Es ist längst eine Binsenwahrheit, dass unsere Erde eng geworden ist. Zu eng, wie viele befürchten, für die sieben Milliarden Menschen, auf die die Gesamtbevölkerung inzwischen angewachsen ist. Die Konflikte dieses und des vergangenen Jahrhunderts enthalten dazu eine Lehre: Das eigentliche Problem der Zukunft wird nicht die schiere Platzknappheit im "Raumschiff Erde" sein, sondern die schwierige Vielfalt ihrer Bewohner. Gleichsam Tür an Tür werden Arme und Reiche wohnen, Farbige und Weisse, Bewaffnete und Wehrlose, Friedfertige und Militante, Aufgeklärte und Gläubige.

Der Beitrag von Norbert Locker geht davon aus, dass die These vom zwangsläufigen "Kampf der Kulturen" weder das Verständnis noch das Verhalten der Menschen fördert, die ihre historisch gewachsene Vielfalt leben und leben wollen. Es gibt, so die Ansicht des Autors, einen Ordnungsbegriff, der die Gegensätze auf einer höheren Ebene integrierbar macht: die Zivilisation. Die zurück liegenden Zeiten, das 20. Jahrhundert zumal, veranschaulichen, was die Anthropologie für ein Gesetz hält: Der Mensch ist und bleibt "zu allem fähig". Fähig, endlose blutige Konflikte und schliesslich das apokalyptische Ende seiner Gattung herbei zu führen; fähig aber auch, den Aufbau einer menschengerechteren Welt in Angriff zu nehmen.